Switzerland - Schweiz - Suisse - Svizzera

Communiqué vom 16. Oktober 1998
 
Prof. Dr. Fredmund Malik
 
 
 
 

Die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Schweiz
 
 

Inhaltsverzeichnis

1. Sozialprodukt
2. Kaufkraft
3. Weltexportanteil
4. Leistungsbilanzüberschuss
5. Entwicklungshilfe
6. Steuerlast und Staatsfinanzen
7. Wachstumsrate
8. Arbeitslosigkeit
9. Unternehmensstruktur

Prof. Dr. Fredmund Malik


Wirtschaft und Gesellschaft durchlaufen in praktisch allen Ländern eine der grössten Transformationen, die es geschichtlich überhaupt je gegeben hat. In zehn bis fünfzehn Jahren wird nicht mehr sehr viel so sein, wie es heute ist. 

Wenn man die Geschichte als Wegweiser nimmt, muss man akzeptieren, dass solche Transformationen noch nie ohne schwerwiegende Verwerfungen und Verschiebungen stattgefunden haben. Obwohl es bisher eine geschichtliche Tatsache ist, dass nach einer derartigen Transformation immer ein höheres Niveau in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht zu verzeichnen war als vorher, so musste doch auch immer wieder und zum Teil über längere Perioden ein vorübergehendes Absinken des einmal erreichten Standes in Kauf genommen werden. Und frühere Weltgeltung eines Landes wurde fast nie aufrechterhalten oder zurückgewonnen.

Die Transformation, durch die die entwickelten Länder gehen, ist im wesentlichen charakterisiert und getrieben durch folgende Faktoren: Durch fortschreitende Sättigung von bisherigen Schlüsselmärkten, durch einen säkularen Technologieschub, weltweite und alle Sektoren durchseuchende Verschuldung, demographische Umwälzungen, unerbittlichen Zwang zur Produktivitätssteigerung und die Ablösung der bisher bedeutsamen Ressourcen - Boden, Kapital und Arbeit - durch Wissen. Wir gehen von der kapitalistischen Gesellschaft zur post-kapitalistischen und damit zur manageriellen Gesellschaft, denn es ist Management in seinen verschiedenartigen Erscheinungsformen, das Wissen in Nutzen, in Leistung und Resultate umwandelt. Die Bewältigung dieser grossen Transformation stellt unsere Gesellschaften vor grösste Herausforderungen, und einige dieser Herausforderungen werden gesellschaftspolitische Zerreissproben mit sich bringen.

In diesem Kontext stellt sich einmal mehr und aufs Neue die Frage, ob die Schweiz ein Sonderfall ist, wie sie das schon so oft in ihrer langen Geschichte war. Sie hat diese Situationen bisher mit Umsicht und Geschick, manchmal wohl auch mit Glück gemeistert. Sie konnte dabei immer wieder ihre besonderen Eigenheiten nicht nur bewahren, sondern diese ausbauen und weiterentwickeln. Wird sie es auch diesmal können? Und was ist dafür erforderlich? Oder trügt vielleicht der Schein? Ist die Schweiz nur für die Ewiggestrigen ein erhaltenswerter Sonderfall, in Wahrheit aber längst unter dem Zugzwang, sich an neue Realitäten anzupassen? Und würde das heissen, es so zu machen, wie alle anderen?

Im historischen Vergleich ist die heutige Sondersituation keineswegs die schwierigste; sie ist aber auch nicht die einfachste. Die Schweiz ist insgesamt in einer vergleichsweise starken Position. Ich betone «vergleichsweise», denn sie könnte, hätte man einige Fehler in den letzten zwanzig Jahren vermieden, noch viel stärker sein.

Es gibt keine Untersuchung, in der die Schweiz nicht auf den Spitzenrängen zu finden wäre. Gleichgültig, welche Faktoren man analysiert, die Schweiz liegt auf den ersten drei bis fünf Positionen. Sie hat einen gut funktionierenden Mittelstand und fast ein Dutzend Weltunternehmen. Sie ist bezüglich Industrie und Dienstleistungen, Gesundheitsniveau und Bildungsstand, Infrastruktur und Sozialordnung bestens positioniert. 

Dieser Ausweis erhält besonderes Gewicht, wenn man berücksichtigt, dass die Schweiz dies historisch aus einer hoffnungslosen Lage heraus erreicht hat. Das Land hatte keinen einzigen natürlichen Standortvorteil, weder Rohstoffe noch Zugang zu Wasserwegen, weder einen Heimmarkt noch politische oder militärische Macht. Der Alpenhauptkamm liegt mitten im Land, was trotz des technologischen Fortschrittes auch heute noch ein Problem ist, weil jedes verkehrstechnische Bauwerk das Drei- bis Fünffache vergleichbarer Bauten anderswo kostet. Vier Kulturen, vier Sprachen, vier Mentalitäten - die verschiedenartiger kaum sein könnten und nirgends sonst auf Dauer zusammengebracht und -gehalten werden konnten.

Die Schweiz war der menschenfeindlichste, unwirtlichste, unfruchtbarste und unzugänglichste Teil des europäischen Kontinents. Jede Wettbewerbsanalyse hätte zu jedem Zeitpunkt der Geschichte höchstens einen Verwendungszweck für diesen Teil Europas offen gelassen - als Nationalpark nach amerikanischem Muster. Ausgerechnet hier entsteht nun eine wirtschaftliche Weltspitzenposition.

Wenn es also nicht die äusseren Umstände und natürlichen Vorteile sind, die dazu geführt haben, was war es dann ?

Vielleicht lag es doch an der Gesellschafts- und Staatsordnung dieses Landes, dass die Menschen das Beste und Einzige, das sie hatten - ihre Leistungskraft - voll nutzen konnten, aber auch mussten. Die Schweiz hat ja bemerkenswert viele Elemente jenes Modelles, das vor rund zweihundertfünfzig Jahren den damaligen, vor allem angelsächsischen Staatsdenkern als die einzig realistische Möglichkeit erschien, so verschiedene Dinge zu verwirklichen wie Freiheit und Ordnung, Leistung und Gerechtigkeit, Bewahrung und Fortschritt, Einheit und Vielfalt, Selbstbestimmung und Gemeinwohl, Macht und Machtkontrolle.

Man kann das alles für altmodisch und überholt erklären. Das ist ja der Grundtenor der Haltung eines grossen Teiles der schweizerischen Intellektuellen, seit die Europa-Diskussion aktuell wurde und seit die Konjunktur nicht mehr so rund läuft. Diese Meinung wird seither unvermindert laut vorgetragen. Mir scheint, dass man es sich damit etwas zu leicht macht, und zwar sowohl in staatsrechtlicher als auch in demokratiepolitischer und wirtschaftlicher Beziehung.

Bezüglich der Wirtschaft klingt die Auffassung noch am plausibelsten, das Schweizer Modell sei in die Jahre gekommen, müsse geändert und europäischen Strukturen angepasst werden. Gerade hier zeigt es sich aber, wie falsch diese Auffassung ist. Es hat sich in den schwierigen Jahren der langanhaltenden Rezession der Neunzigerjahre sehr deutlich erwiesen, dass noch immer sehr starke Argumente dafür sprechen, dass die gegebene Wirtschafts- und Staatsordnung die besten Voraussetzungen auch und gerade für den internationalen Wettbewerb bietet. Die immer wieder vorgebrachte Meinung, nicht selten als «wissenschaftlich» ausgegeben, die wirtschaftliche Lage der Schweiz sei miserabel, hält einer kritischen Analyse nicht stand; und die fast immer gleichzeitig vorgebrachte Auffassung, dies sei durch die europäische Aussenseiterrolle verursacht, lässt sich mit Blick auf die Zahlen der wichtigsten europäischen Länder schon gar nicht aufrechterhalten.
 
 


1. Sozialprodukt 

(Ich stütze mich auf die jüngste Ausgabe von "World in Figures", die vom "Economist" herausgegeben wird, der nach meiner Auffassung die beste Datenbasis hat. Für die Endredaktion des Textes stand mir die Ausgabe 1998 zur Verfügung.)

Die Schweiz hat noch immer und sie hatte auch in allen Rezessionsjahren das höchste Sozialprodukt pro Kopf, gefolgt von Luxemburg und Japan. In einigen Statistiken wird Luxemburg in den Jahren 1996 und 1997 vor die Schweiz rangiert, allerdings mit einer kaum ins Gewicht fallenden Differenz und mit seiner Wirtschaftsstruktur einen klaren Sonderfall darstellend. Japan wird aufgrund der jüngsten Ereignisse wohl in den nächsten Jahren eher verlieren als gewinnen. Deutschland folgt an siebter, die USA an neunter Stelle. Dabei muss beachtet werden, dass die Abstände schon ansehnlich sind. Die Schweiz hat ein Pro-Kopf-Sozialprodukt von $ 39'900; für Deutschland beträgt es $ 27'600 und für die USA $ 26'600.
 
 


2. Kaufkraft

Die Schweiz ist ein teures Land, und das hat seine Nachteile. Sie steht aber bezüglich Kaufkraft an zweiter Stelle der Weltrangliste, unmittelbar hinter den USA. Japan kommt erst an siebter und Deutschland an fünfzehnter Stelle.
 
 


3. Weltexportanteil

Immer wieder wird vorgebracht, die Schweiz befinde sich in selbstgewählter bzw. selbstverschuldeter Isolation. Relativ dazu ist doch bemerkenswert, dass sie mit einem Weltexportanteil von 2,15 % immerhin an zehnter Stelle steht. Andere Länder haben hier natürlich viel grössere Anteile: die USA 13,5 %, Deutschland 9,8 % und Japan 9,5 %. Aber andere Länder sind auch viel grösser als die Schweiz, und daher muss man eben die Relationen vergleichen und nicht die absoluten Werte. Man tut das richtigerweise und mit Selbstverständlichkeit immer beim Sozialprodukt, das man für Vergleichszwecke eben in Beziehung zur Bevölkerung und nicht absolut ausweist. Das muss man auch mit allen anderen statistischen Grössen tun, sonst sagen die Zahlen nichts aus. Es wundert mich daher immer wieder, dass das in den Expertendiskussionen fast ausnahmslos übersehen wird bzw. unberücksichtigt bleibt. 

Die USA als grösster Weltexporteur haben einen sechsmal so grossen Weltexportanteil wie die Schweiz. Die USA haben aber auch die 38fache Bevölkerung und das 24fache Sozialprodukt. In Wahrheit ist somit die Exportleistung der Schweiz bezogen auf die Bevölkerung sechsmal grösser als jene der USA und bezogen auf das Sozialprodukt viermal grösser. Im Vergleich mit Deutschland leistet die Schweiz das Zweieinhalbfache und gemessen an Japan das Vierfache. Somit lässt sich jedenfalls die Weltexportleistung der Schweiz kaum als Beweis für den behaupteten Isolationismus heranziehen, zumindest nicht in wirtschaftlicher Beziehung.
 
 


4. Leistungsbilanzüberschuss

Die meisten Länder haben das Problem, dass sie Leistungsbilanzdefizite verzeichnen müssen. Die Schweiz gehört zu den relativ wenigen Ländern mit Leistungsbilanzüberschüssen. Sie steht absolut gesehen an zweiter Stelle hinter Japan. In Wahrheit hat sie aber bezogen auf die Bevölkerung einen doppelt so grossen Leistungsbilanzüberschuss wie Japan, das seit Jahren die Spitzenposition einnimmt.
 
 


5. Entwicklungshilfe

Ein immer wiederkehrendes Thema in den Diskussionen ist der behauptete Mangel an internationaler Solidarität. Damit kontrastiert allerdings der Umstand, dass die Schweiz bezüglich Entwicklungshilfe in absoluten Zahlen auf dem dreizehnten Rang liegt und proportional viermal so viel zahlt wie die USA, anderthalbmal so viel wie Deutschland und zweimal so viel wie Japan. Trotz (oder gerade wegen) der aktuellen Holocaust-Frage wird man zum Ergebnis kommen müssen, dass Deutschland und Japan noch immer deutlich mehr und bessere Gründe haben, anderen Ländern zu helfen als die Schweiz.
 
 


6. Steuerlast und Staatsfinanzen

In der Schweiz wurde bezüglich Steuerlast und Finanzdisziplin in den Neunzigerjahren markant gesündigt. Die im Vergleich zu anderen Ländern hervorragende Entwicklung der öffentlichen Finanzen noch bis Ende der Achtzigerjahre hat sich in den Neunzigern markant und besorgniserregend verschlechtert. Dennoch sind die Steuerlasten sowohl auf die Unternehmensgewinne als auch für die natürlichen Personen und somit die Staatsquote im Vergleich mit allen andern Ländern beispielhaft. Die Steuerbelastung des Unternehmensgewinnes juristischer Personen beträgt in Deutschland fast 60 %, gefolgt von Italien und Japan. Die USA liegen trotz aller Steuerreformen noch immer bei 40 %, während die Schweiz mit 28,5 % am Ende der Skala rangiert. Bei den natürlichen Personen liegt der EU-Durchschnitt bezüglich Steuern und Sozialabgaben bei 42 %, in der Schweiz bei 34 %.
 
 


7. Wachstumsrate

Am relativ schlechtesten schneidet die Schweiz in den Neunzigerjahren bei der Wachstumsrate des Sozialproduktes ab. In der Tat hatten wir eine Stagnation, vorübergehend sogar eine leichte Schrumpfung des Sozialproduktes zu verzeichnen. Vor allem das «Wachstumsproblem» im Verbund mit der noch zu behandelnden Arbeitslosenrate ist es, das zum Anlass für düstere Zukunftsperspektiven und für die Forderung nach radikalen Veränderungen genommen wird. Darauf kann man aber keine brauchbare Beurteilung stützen, und aus diesem Grunde setze ich das Wort «Wachstumsproblem» auch in Anführungszeichen. Die Schweiz ist zwar nur noch geringfügig gewachsen; man muss aber auch die Höhe des schon erreichten Niveaus betrachten. Ich halte es für eine unrealistische Vorstellung, wenn man von ständigem und anhaltendem Wachstum ausgeht, sei es, dass man das als Notwendigkeit oder als Möglichkeit ansieht. Ich denke, dass man zur Kenntnis nehmen muss, dass mit dem inzwischen erreichten Wohlstandsniveau pro Kopf die weiteren Wachstumsmöglichkeiten einer so hoch entwickelten Volkswirtschaft eingeschränkt sein müssen. 

Am deutlichsten sieht man das vielleicht, wenn man zwei extreme Beispiele einander gegenüberstellt. Es gibt kaum jemanden, der in den letzten Jahren nicht - gestützt auf die Wachstumspotentiale - den Drang nach China verspürt hätte, und dabei wird eben gerade fehlendes Wachstum als Begründung dafür herangezogen, dass man nicht in der Schweiz zu investieren gedenkt. Kaum jemand hat aber die absolute Basis in beiden Ländern beachtet. Wenn China um zehn Prozent wächst - was für jeden eine paradiesische Rate zu sein scheint -, dann kommt in absolutem Umfange genau gleich viel hinzu, wie wenn die Schweiz um ein Promille wächst, praktisch also überhaupt nichts. Raten mögen ja beeindruckend gross oder deprimierend klein sein; leben tun die Menschen aber nicht von den Raten, sondern vom absoluten Zuwachs an wirtschaftlichen Gütern und Diensten; und dieser ist eben in beiden genannten Fällen gleich. Er muss allerdings in China auf 1,2 Milliarden Menschen verteilt werden, in der Schweiz dagegen nur auf gut 7 Millionen.
 
 


8. Arbeitslosigkeit

Die Schweiz hat in den Rezessionsjahren eine Arbeitslosenquote erreicht, die über jener der Dreissigerjahre liegt. Das ist für die Schweiz und nach Schweizer Massstäben eine katastrophale Entwicklung. Die Arbeitslosenquote hatte aber mit dem Maximum von knapp 5 % dennoch den niedrigsten Stand in Europa. Gleichzeitig ist auch darauf hinzuweisen, dass mehr Menschen als je zuvor beschäftigt sind, und zwar absolut und relativ. Die Quote der Beschäftigten lag im Zeitpunkt der hierzulande höchsten Arbeitslosigkeit immer noch bei rund 55 %, während sie z.B. in den USA trotz eines deutlich höheren Wirtschaftswachstums und einer geringeren offiziellen Arbeitslosenrate bei rund 51 % und in Deutschland bei 49 % liegt. In Österreich, das ebenfalls zu den Ländern mit vergleichsweise geringer Arbeitslosigkeit zählt, sind nur 48,3 % der Bevölkerung beschäftigt. 

Mit Arbeitslosenraten können treffliche Spiegelgefechte geführt werden, so dass man zumindest beide Ziffern, die der Arbeitslosen und die der Beschäftigten im Auge behalten muss, wenn man sich ein vollständiges Bild machen will. 

So wird z.B. in der EU Holland immer wieder als leuchtendes Beispiel für erfolgreichen Strukturwandel und vorbildliche Wirtschaftspolitik angeführt. Obwohl anzuerkennen ist, dass in Holland von den Sozialpartnern vieles erreicht wurde, was noch vor wenigen Jahren undenkbar war, muss man die Zahlen doch sehr genau anschauen. So wird dort mit Stolz eine Arbeitslosenrate für 1997 von 5,8 % (also die Hälfte von Deutschland und Frankreich) angegeben. Bevor sie gerechnet wird, werden aber von vornherein rund 12 % der im Erwerbsalter stehenden Personen als «erwerbsunfähig» ausgegliedert. Unter diesen Umständen ist es dann natürlich relativ leicht, auf eine gute offizielle Arbeitslosenrate zu kommen. Folgerichtig erscheint daher Holland unter den fünfzig Ländern mit der höchsten Erwerbsquote nicht. 
 
 


9. Unternehmensstruktur

Dass die Schweiz eine nach wie vor sehr gut strukturierte Wirtschaft hat, braucht kaum betont zu werden. Sie hat einen gut funktionierenden KMU-Bereich. In diesem findet sich eine nicht genau bekannte, aber vermutlich ansehnliche Zahl von Firmen, die Weltmarktführer sind oder jedenfalls sehr starke Positionen in ihren Märkten haben. Sie hat auch starke Grossunternehmen. Bemerkenswert ist, dass die Schweiz gemessen am Sozialprodukt zweieinhalbmal so viele «Fortune 500-Unternehmen» hat wie die USA, gemessen an der Bevölkerung sogar viermal so viele. Im Vergleich zu Deutschland ist es das Vierfache gemessen am Sozialprodukt, und das Sechsfache bezogen auf die Bevölkerung. Gelegentlich wird mir in diesem Zusammenhang entgegengehalten, man könne eigentlich hier nicht mehr von «Schweizer» Firmen sprechen, weil alle diese Unternehmen doch einen hohen Auslandanteil hätten. Dies stimmt zwar, es gilt aber in gleichem Umfange auch für die grossen Firmen in anderen Ländern. Solange diese Firmen ihren Sitz in der Schweiz haben, dürfen wir sie wohl auch als Schweizer Unternehmen ansehen.

Welche Indikatoren man auch immer heranzieht, man wird zum Ergebnis kommen, dass die Schweiz gut bis sehr gut, in vielen wichtigen Bereichen sogar ausgezeichnet abschneidet und als Wirtschaftsstandort insgesamt in den Spitzenrängen mithalten kann. 

Was über die bis dahin behandelten Faktoren hinaus jeden potentiellen Investor wohl auch interessieren wird, sind z.B. das Bildungs- und Ausbildungssystem der Schweiz, die vergleichsweise hohe Eigenverantwortlichkeit der Menschen, zuverlässig funktionierende rechtsstaatliche Institutionen, die erwiesene Fähigkeit zu Kompromiss und Konsens und - nicht zu vergessen - eine im Vergleich zu anderen Ländern schlanke, kostengünstige und vielleicht gerade deshalb relativ gut funktionierende Verwaltung. Auch wenn der Föderalismus nach Schweizer Art seine Eigentümlichkeiten und auch seine Kompliziertheiten haben mag, muss doch auch gesehen werden, dass die Schweiz mit sechsundzwanzig Kantonen und vier Sprachen um ein Drittel weniger Beamte pro Kopf der Bevölkerung hat als z.B. Österreich mit nur neun Bundesländern und nur einer Sprache.

Alle diese Feststellungen bedeuten nicht, dass ich blind wäre für den auch in der Schweiz gegebenen Reformbedarf. Sie können daher auch nicht als Rechtfertigung für gemütliches Zurücklehnen verstanden werden. Ich kann aber vor dem Hintergrund der dargestellten Tatsachen wenig bis gar kein Verständnis aufbringen, wenn die Schweiz in so gut wie jeder Beziehung als schlecht, rückständig und hinterwäldlerisch dargestellt wird. Genauso wenig halte ich es für richtig, wenn jene, die mit Bezug auf modernistische Euphorien zu Augenmass und Realitätssinn mahnen, als Ewiggestrige oder als Populisten charakterisiert werden.

Mir scheint, dass es Zeit ist, aufzuhören mit dem Produzieren von kollektiven Minderwertigkeitskomplexen, von Unterwürfigkeit, vorauseilendem Gehorsam, Schuldgefühlen und mit intellektueller Wehleidigkeit. Man muss aufhören, jene Entwicklungen, die sich im Ausland längst - und inzwischen dort auch so erkannt - als Fehler erwiesen haben, mit einer Zeitverzögerung von zehn Jahren nachzuahmen, nur um ja nicht vermeintlich unmodern und rückständig dazustehen.

Manche Länder wären heute froh, sie wären in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren nicht ganz so modern, fortschrittlich und visionär gewesen - z.B. Deutschland und Schweden mit ihren Sozialsystemen, die jetzt unter beachtlichen Schwierigkeiten zurückgestutzt werden müssen; Italien mit seiner Parteipragmatik, die in Wahrheit ein Korruptionssumpf war; oder Japan mit seinem Finanzsystem, welches das Land an den Abgrund einer deflationären Depression gebracht hat.

Man muss das noch immer in hohem Masse vorhandene Leistungsvermögen der Bevölkerung nutzen durch Offenheit, Gradlinigkeit, Fairness und Absage an Privilegien und Personenkult. Es muss die frühere Mobilität des Schweizers zurückgewonnen werden, die inzwischen deutlich abgenommen hat. Die im internationalen Vergleich - wie schon erwähnt - zwar geringe, aber absolut bereits deutlich zu grosse Bürokratisierung und Reglementierung muss abgebaut werden. Die Aufgaben des Staates sind neu zu definieren und zu reduzieren. Es gibt also einiges zu tun. 

Das Wichtigste aber ist, so scheint mir, sich auf die Vorzüge, Vorteile und Stärken der Schweiz zu besinnen. Insgesamt ist die Schweiz ein interessanter Wirtschaftsstandort, der sich mit jedem anderen Platz messen kann - nicht um Stahl herzustellen, aber für den Pharma-Bereich; nicht um Billigtextilien herzustellen, wohl aber für hochpräzise Zahnimplantate; nicht für Autos, aber für komplexe Rückversicherungsdienstleistungen.

Die Schweiz ist nicht das Paradies, aber sie ist als Standort in Ordnung. Das Hauptproblem ist, dass das zu wenige wissen. Und dass die Schweiz von wichtigen Repräsentanten mit eigentümlicher Lust zur Selbstzerfleischung schlecht gemacht wird. Diese bilden zwar bei weitem keine Mehrheit, sondern nur eine winzige - allerdings sehr laute und redegewandte - Minderheit.
 
 



 
 






Prof. Dr. oec. habil. Fredmund Malik


 






















Professor Dr. Fredmund Malik ist Top Management Consultant und Management Lehrer von internationalem Ruf. Seit mehr als 20 Jahren kennt er die Realität als erfolgreicher Leiter einer Firmengruppe. Er verkörpert somit eine einmalige Verbindung zwischen Praxis und Wissenschaft. 

Er hat Zehntausenden von Führungskräften in Vorträgen und Seminaren die Kernsubstanz des wirklich brauchbaren Management-Wissens vermittelt. Seine Seminarteilnehmer bewerten ihn mit höchsten Noten. Die Medien loben ihn als Management-Guru (was er selbst allerdings nicht sein will) wegen seiner 

Er gehört zu den wenigen Management-Denkern, die Management als eine umfassende gesellschaftliche Funktion verstehen, vielleicht die wichtigste bewegende Kraft einer modernen Gesellschaft. Daher resultiert (wie seine Seminarteilnehmer wissen) seine ungewöhnlich breite Perspektive, die auch durch profunde historische, ökonomische, philosophische, systemwissenschaftliche und kybernetische Studien untermauert ist. 

Prof. Malik hat sich als Autor von mehr als 150 Publikationen zu verschiedenen Managementthemen und vor allem durch seine unermüdliche Kritik an Management-Modewellen, Management-Scharlatanerien und Management-Infantilismen einen ausgezeichneten Namen geschaffen. 

Personalia und Ausbildung

     
  • Geboren 1944 in Lustenau/Vorarlberg, Österreich verheiratet, 2 Kinder
  • Wirtschaftsmatura in Österreich
  • Nach mehrjähriger Industriepraxis Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Logik- und Wissenschaftsphilosophie an den Universitäten Innsbruck und St. Gallen, 
  • Abschluss in Betriebswirtschaftslehre, lic.oec. HSG, Dr. oec., Privatdozent
  • Diplomarbeit: Kybernetische Modelle und Managementkonzepte
  • Dissertation: Systemmethodik - Grundlagen einer Methodik zur Erforschung und Gestaltung komplexer soziotechnischer Systeme
  • Habilitation: Strategie des Managements komplexer Systeme


Berufliche Tätigkeiten

Als Unternehmer

     
  • 1977 Ernennung zum Direktor des Management Zentrums St. Gallen
  • 1979 - 1984 gleichzeitig Mitglied der Direktion des Institut für Betriebswirt-
  • schaft an der Hochschule St. Gallen mit Zuständigkeit für den Bereich Unternehmensberatung
  • 1984 Übernahme des Management Zentrums St. Gallen im Rahmen eines
  • "Friendly Buy-Outs" und Gründung der Management Zentrum St. Gallen AG
  • (MZSG AG) zusammen mit zwei weiteren Gründungspartnern
  • Seither Präsident des Verwaltungsrates der MZSG Holding AG und ihren Tochtergesellschaften
  • Inhaber mehrerer weiterer Unternehmen
  • Diverse Verwaltungsrats-, Aufsichtsrats- und Beirats-/Stiftungsratsmandate 
Als Management Consultant und Management Educator
     
  • Berater zahlreicher renommierter in- und ausländischer Unternehmen aller Grössenordnungen insbesondere für General Management-, Strategie- und Strukturfragen, Human Resources-Development und Ausbildungsfragen
  • Ausbildner für Tausende von Führungskräften aller Stufen, Sektoren und Branchen 
Als Wissenschaftler
     
  • 1978 Habilitation für Betriebswirtschaftslehre mit besonderer Berücksichtigung
  • der Unternehmensführungslehre
  • seither Lehrtätigkeit an der Universität St. Gallen
  • 1986 Ernennung zum Titularprofessor
  • 1981 - 1982 Gastdozent an der Universität Innsbruck
  • seit 1992 Gastprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien 
Als Autor

Autor und Herausgeber des M.o.M.-Management Letters "Malik on Management". ca. 150 Veröffentlichungen, unter anderem folgende Bücher: 

  • Wirksame Unternehmensaufsicht - Corporate Governance in Umbruchzeiten erscheint 1997 im FAZ-Verlag, Frankfurt 
  • Management-Systeme, in der Reihe "Die Orientierung", Nr. 78, Hrsg. Schweiz. Volksbank, Bern 1981 
  • Strategie des Managements komplexer Systeme, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart 1984, 5. Auflage, Bern/Stuttgart 1996 
  • Krisengefahren in der Weltwirtschaft, Verlag NZZ, Zürich 1990 (zusammen mit Daniel Stelter)
  • Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart 1993
  • Management-Perspektiven, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart 1993 
  • Praxis des Systemorientierten Managements, Festschrift für Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Ulrich, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart 1979 (Hrsg.)
  • Systemorientiertes Management, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart 1973 (Hrsg. gemeinsam mit Bénédict Hentsch) 
Kolumnist der Zeitschriften "Trend", "Cash" und "Basler Zeitung"
 
 

Mitgliedschaften

     
  • ASOS (Swiss Management Association)
  • Austrian Society for General Systems Research and Cybernetics (österreichische Studiengesellschaft für Kybernetik)
  • Europäische Akademie der Wissenschaften
  • Schweizerische Gesellschaft für Statistik und Volkswirtschaft
  • Vereinigung Schweizerischer Betriebswirtschafter
  • Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik
  • Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft e.V.