Prof. Dr. Fredmund Malik
Die Zukunft des Wirtschaftsstandorts
Schweiz
Inhaltsverzeichnis
1. Sozialprodukt
2. Kaufkraft
3. Weltexportanteil
4. Leistungsbilanzüberschuss
5. Entwicklungshilfe
6. Steuerlast und Staatsfinanzen
7. Wachstumsrate
8. Arbeitslosigkeit
9. Unternehmensstruktur
Prof. Dr. Fredmund Malik
Wirtschaft und Gesellschaft durchlaufen in praktisch
allen Ländern eine der grössten Transformationen, die es geschichtlich
überhaupt je gegeben hat. In zehn bis fünfzehn Jahren wird nicht
mehr sehr viel so sein, wie es heute ist.
Wenn man die Geschichte als Wegweiser nimmt, muss
man akzeptieren, dass solche Transformationen noch nie ohne schwerwiegende
Verwerfungen und Verschiebungen stattgefunden haben. Obwohl es bisher eine
geschichtliche Tatsache ist, dass nach einer derartigen Transformation
immer ein höheres Niveau in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht
zu verzeichnen war als vorher, so musste doch auch immer wieder und zum
Teil über längere Perioden ein vorübergehendes Absinken
des einmal erreichten Standes in Kauf genommen werden. Und frühere
Weltgeltung eines Landes wurde fast nie aufrechterhalten oder zurückgewonnen.
Die Transformation, durch die die entwickelten Länder
gehen, ist im wesentlichen charakterisiert und getrieben durch folgende
Faktoren: Durch fortschreitende Sättigung von bisherigen Schlüsselmärkten,
durch einen säkularen Technologieschub, weltweite und alle Sektoren
durchseuchende Verschuldung, demographische Umwälzungen, unerbittlichen
Zwang zur Produktivitätssteigerung und die Ablösung der bisher
bedeutsamen Ressourcen - Boden, Kapital und Arbeit - durch Wissen. Wir
gehen von der kapitalistischen Gesellschaft zur post-kapitalistischen und
damit zur manageriellen Gesellschaft, denn es ist Management in seinen
verschiedenartigen Erscheinungsformen, das Wissen in Nutzen, in Leistung
und Resultate umwandelt. Die Bewältigung dieser grossen Transformation
stellt unsere Gesellschaften vor grösste Herausforderungen, und einige
dieser Herausforderungen werden gesellschaftspolitische Zerreissproben
mit sich bringen.
In diesem Kontext stellt sich einmal mehr und aufs
Neue die Frage, ob die Schweiz ein Sonderfall ist, wie sie das schon so
oft in ihrer langen Geschichte war. Sie hat diese Situationen bisher mit
Umsicht und Geschick, manchmal wohl auch mit Glück gemeistert. Sie
konnte dabei immer wieder ihre besonderen Eigenheiten nicht nur bewahren,
sondern diese ausbauen und weiterentwickeln. Wird sie es auch diesmal können?
Und was ist dafür erforderlich? Oder trügt vielleicht der Schein?
Ist die Schweiz nur für die Ewiggestrigen ein erhaltenswerter Sonderfall,
in Wahrheit aber längst unter dem Zugzwang, sich an neue Realitäten
anzupassen? Und würde das heissen, es so zu machen, wie alle anderen?
Im historischen Vergleich ist die heutige Sondersituation
keineswegs die schwierigste; sie ist aber auch nicht die einfachste. Die
Schweiz ist insgesamt in einer vergleichsweise starken Position. Ich betone
«vergleichsweise», denn sie könnte, hätte man einige
Fehler in den letzten zwanzig Jahren vermieden, noch viel stärker
sein.
Es gibt keine Untersuchung, in der die Schweiz nicht
auf den Spitzenrängen zu finden wäre. Gleichgültig, welche
Faktoren man analysiert, die Schweiz liegt auf den ersten drei bis fünf
Positionen. Sie hat einen gut funktionierenden Mittelstand und fast ein
Dutzend Weltunternehmen. Sie ist bezüglich Industrie und Dienstleistungen,
Gesundheitsniveau und Bildungsstand, Infrastruktur und Sozialordnung bestens
positioniert.
Dieser Ausweis erhält besonderes Gewicht, wenn
man berücksichtigt, dass die Schweiz dies historisch aus einer hoffnungslosen
Lage heraus erreicht hat. Das Land hatte keinen einzigen natürlichen
Standortvorteil, weder Rohstoffe noch Zugang zu Wasserwegen, weder einen
Heimmarkt noch politische oder militärische Macht. Der Alpenhauptkamm
liegt mitten im Land, was trotz des technologischen Fortschrittes auch
heute noch ein Problem ist, weil jedes verkehrstechnische Bauwerk das Drei-
bis Fünffache vergleichbarer Bauten anderswo kostet. Vier Kulturen,
vier Sprachen, vier Mentalitäten - die verschiedenartiger kaum sein
könnten und nirgends sonst auf Dauer zusammengebracht und -gehalten
werden konnten.
Die Schweiz war der menschenfeindlichste, unwirtlichste,
unfruchtbarste und unzugänglichste Teil des europäischen Kontinents.
Jede Wettbewerbsanalyse hätte zu jedem Zeitpunkt der Geschichte höchstens
einen Verwendungszweck für diesen Teil Europas offen gelassen - als
Nationalpark nach amerikanischem Muster. Ausgerechnet hier entsteht nun
eine wirtschaftliche Weltspitzenposition.
Wenn es also nicht die äusseren Umstände
und natürlichen Vorteile sind, die dazu geführt haben, was war
es dann ?
Vielleicht lag es doch an der Gesellschafts- und
Staatsordnung dieses Landes, dass die Menschen das Beste und Einzige, das
sie hatten - ihre Leistungskraft - voll nutzen konnten, aber auch mussten.
Die Schweiz hat ja bemerkenswert viele Elemente jenes Modelles, das vor
rund zweihundertfünfzig Jahren den damaligen, vor allem angelsächsischen
Staatsdenkern als die einzig realistische Möglichkeit erschien, so
verschiedene Dinge zu verwirklichen wie Freiheit und Ordnung, Leistung
und Gerechtigkeit, Bewahrung und Fortschritt, Einheit und Vielfalt, Selbstbestimmung
und Gemeinwohl, Macht und Machtkontrolle.
Man kann das alles für altmodisch und überholt
erklären. Das ist ja der Grundtenor der Haltung eines grossen Teiles
der schweizerischen Intellektuellen, seit die Europa-Diskussion aktuell
wurde und seit die Konjunktur nicht mehr so rund läuft. Diese Meinung
wird seither unvermindert laut vorgetragen. Mir scheint, dass man es sich
damit etwas zu leicht macht, und zwar sowohl in staatsrechtlicher als auch
in demokratiepolitischer und wirtschaftlicher Beziehung.
Bezüglich der Wirtschaft klingt die Auffassung
noch am plausibelsten, das Schweizer Modell sei in die Jahre gekommen,
müsse geändert und europäischen Strukturen angepasst werden.
Gerade hier zeigt es sich aber, wie falsch diese Auffassung ist. Es hat
sich in den schwierigen Jahren der langanhaltenden Rezession der Neunzigerjahre
sehr deutlich erwiesen, dass noch immer sehr starke Argumente dafür
sprechen, dass die gegebene Wirtschafts- und Staatsordnung die besten Voraussetzungen
auch und gerade für den internationalen Wettbewerb bietet. Die immer
wieder vorgebrachte Meinung, nicht selten als «wissenschaftlich»
ausgegeben, die wirtschaftliche Lage der Schweiz sei miserabel, hält
einer kritischen Analyse nicht stand; und die fast immer gleichzeitig vorgebrachte
Auffassung, dies sei durch die europäische Aussenseiterrolle verursacht,
lässt sich mit Blick auf die Zahlen der wichtigsten europäischen
Länder schon gar nicht aufrechterhalten.
1. Sozialprodukt
(Ich stütze mich auf die jüngste
Ausgabe von "World in Figures", die vom "Economist" herausgegeben wird,
der nach meiner Auffassung die beste Datenbasis hat. Für die Endredaktion
des Textes stand mir die Ausgabe 1998 zur Verfügung.)
Die Schweiz hat noch immer und sie hatte auch in
allen Rezessionsjahren das höchste Sozialprodukt pro Kopf, gefolgt
von Luxemburg und Japan. In einigen Statistiken wird Luxemburg in den Jahren
1996 und 1997 vor die Schweiz rangiert, allerdings mit einer kaum ins Gewicht
fallenden Differenz und mit seiner Wirtschaftsstruktur einen klaren Sonderfall
darstellend. Japan wird aufgrund der jüngsten Ereignisse wohl in den
nächsten Jahren eher verlieren als gewinnen. Deutschland folgt an
siebter, die USA an neunter Stelle. Dabei muss beachtet werden, dass die
Abstände schon ansehnlich sind. Die Schweiz hat ein Pro-Kopf-Sozialprodukt
von $ 39'900; für Deutschland beträgt es $ 27'600 und für
die USA $ 26'600.
2. Kaufkraft
Die Schweiz ist ein teures Land, und das hat seine
Nachteile. Sie steht aber bezüglich Kaufkraft an zweiter Stelle der
Weltrangliste, unmittelbar hinter den USA. Japan kommt erst an siebter
und Deutschland an fünfzehnter Stelle.
3. Weltexportanteil
Immer wieder wird vorgebracht, die Schweiz befinde
sich in selbstgewählter bzw. selbstverschuldeter Isolation. Relativ
dazu ist doch bemerkenswert, dass sie mit einem Weltexportanteil von 2,15
% immerhin an zehnter Stelle steht. Andere Länder haben hier natürlich
viel grössere Anteile: die USA 13,5 %, Deutschland 9,8 % und Japan
9,5 %. Aber andere Länder sind auch viel grösser als die Schweiz,
und daher muss man eben die Relationen vergleichen und nicht die absoluten
Werte. Man tut das richtigerweise und mit Selbstverständlichkeit immer
beim Sozialprodukt, das man für Vergleichszwecke eben in Beziehung
zur Bevölkerung und nicht absolut ausweist. Das muss man auch mit
allen anderen statistischen Grössen tun, sonst sagen die Zahlen nichts
aus. Es wundert mich daher immer wieder, dass das in den Expertendiskussionen
fast ausnahmslos übersehen wird bzw. unberücksichtigt bleibt.
Die USA als grösster Weltexporteur haben einen
sechsmal so grossen Weltexportanteil wie die Schweiz. Die USA haben aber
auch die 38fache Bevölkerung und das 24fache Sozialprodukt. In Wahrheit
ist somit die Exportleistung der Schweiz bezogen auf die Bevölkerung
sechsmal grösser als jene der USA und bezogen auf das Sozialprodukt
viermal grösser. Im Vergleich mit Deutschland leistet die Schweiz
das Zweieinhalbfache und gemessen an Japan das Vierfache. Somit lässt
sich jedenfalls die Weltexportleistung der Schweiz kaum als Beweis für
den behaupteten Isolationismus heranziehen, zumindest nicht in wirtschaftlicher
Beziehung.
4. Leistungsbilanzüberschuss
Die meisten Länder haben das Problem, dass sie
Leistungsbilanzdefizite verzeichnen müssen. Die Schweiz gehört
zu den relativ wenigen Ländern mit Leistungsbilanzüberschüssen.
Sie steht absolut gesehen an zweiter Stelle hinter Japan. In Wahrheit hat
sie aber bezogen auf die Bevölkerung einen doppelt so grossen Leistungsbilanzüberschuss
wie Japan, das seit Jahren die Spitzenposition einnimmt.
5. Entwicklungshilfe
Ein immer wiederkehrendes Thema in den Diskussionen
ist der behauptete Mangel an internationaler Solidarität. Damit kontrastiert
allerdings der Umstand, dass die Schweiz bezüglich Entwicklungshilfe
in absoluten Zahlen auf dem dreizehnten Rang liegt und proportional viermal
so viel zahlt wie die USA, anderthalbmal so viel wie Deutschland und zweimal
so viel wie Japan. Trotz (oder gerade wegen) der aktuellen Holocaust-Frage
wird man zum Ergebnis kommen müssen, dass Deutschland und Japan noch
immer deutlich mehr und bessere Gründe haben, anderen Ländern
zu helfen als die Schweiz.
6. Steuerlast und Staatsfinanzen
In der Schweiz wurde bezüglich Steuerlast und
Finanzdisziplin in den Neunzigerjahren markant gesündigt. Die im Vergleich
zu anderen Ländern hervorragende Entwicklung der öffentlichen
Finanzen noch bis Ende der Achtzigerjahre hat sich in den Neunzigern markant
und besorgniserregend verschlechtert. Dennoch sind die Steuerlasten sowohl
auf die Unternehmensgewinne als auch für die natürlichen Personen
und somit die Staatsquote im Vergleich mit allen andern Ländern beispielhaft.
Die Steuerbelastung des Unternehmensgewinnes juristischer Personen beträgt
in Deutschland fast 60 %, gefolgt von Italien und Japan. Die USA liegen
trotz aller Steuerreformen noch immer bei 40 %, während die Schweiz
mit 28,5 % am Ende der Skala rangiert. Bei den natürlichen Personen
liegt der EU-Durchschnitt bezüglich Steuern und Sozialabgaben bei
42 %, in der Schweiz bei 34 %.
7. Wachstumsrate
Am relativ schlechtesten schneidet die Schweiz in
den Neunzigerjahren bei der Wachstumsrate des Sozialproduktes ab. In der
Tat hatten wir eine Stagnation, vorübergehend sogar eine leichte Schrumpfung
des Sozialproduktes zu verzeichnen. Vor allem das «Wachstumsproblem»
im Verbund mit der noch zu behandelnden Arbeitslosenrate ist es, das zum
Anlass für düstere Zukunftsperspektiven und für die Forderung
nach radikalen Veränderungen genommen wird. Darauf kann man aber keine
brauchbare Beurteilung stützen, und aus diesem Grunde setze ich das
Wort «Wachstumsproblem» auch in Anführungszeichen. Die
Schweiz ist zwar nur noch geringfügig gewachsen; man muss aber auch
die Höhe des schon erreichten Niveaus betrachten. Ich halte es für
eine unrealistische Vorstellung, wenn man von ständigem und anhaltendem
Wachstum ausgeht, sei es, dass man das als Notwendigkeit oder als Möglichkeit
ansieht. Ich denke, dass man zur Kenntnis nehmen muss, dass mit dem inzwischen
erreichten Wohlstandsniveau pro Kopf die weiteren Wachstumsmöglichkeiten
einer so hoch entwickelten Volkswirtschaft eingeschränkt sein müssen.
Am deutlichsten sieht man das vielleicht, wenn man
zwei extreme Beispiele einander gegenüberstellt. Es gibt kaum jemanden,
der in den letzten Jahren nicht - gestützt auf die Wachstumspotentiale
- den Drang nach China verspürt hätte, und dabei wird eben gerade
fehlendes Wachstum als Begründung dafür herangezogen, dass man
nicht in der Schweiz zu investieren gedenkt. Kaum jemand hat aber die absolute
Basis in beiden Ländern beachtet. Wenn China um zehn Prozent wächst
- was für jeden eine paradiesische Rate zu sein scheint -, dann kommt
in absolutem Umfange genau gleich viel hinzu, wie wenn die Schweiz um ein
Promille wächst, praktisch also überhaupt nichts. Raten mögen
ja beeindruckend gross oder deprimierend klein sein; leben tun die Menschen
aber nicht von den Raten, sondern vom absoluten Zuwachs an wirtschaftlichen
Gütern und Diensten; und dieser ist eben in beiden genannten Fällen
gleich. Er muss allerdings in China auf 1,2 Milliarden Menschen verteilt
werden, in der Schweiz dagegen nur auf gut 7 Millionen.
8. Arbeitslosigkeit
Die Schweiz hat in den Rezessionsjahren eine Arbeitslosenquote
erreicht, die über jener der Dreissigerjahre liegt. Das ist für
die Schweiz und nach Schweizer Massstäben eine katastrophale Entwicklung.
Die Arbeitslosenquote hatte aber mit dem Maximum von knapp 5 % dennoch
den niedrigsten Stand in Europa. Gleichzeitig ist auch darauf hinzuweisen,
dass mehr Menschen als je zuvor beschäftigt sind, und zwar absolut
und relativ. Die Quote der Beschäftigten lag im Zeitpunkt der hierzulande
höchsten Arbeitslosigkeit immer noch bei rund 55 %, während sie
z.B. in den USA trotz eines deutlich höheren Wirtschaftswachstums
und einer geringeren offiziellen Arbeitslosenrate bei rund 51 % und in
Deutschland bei 49 % liegt. In Österreich, das ebenfalls zu den Ländern
mit vergleichsweise geringer Arbeitslosigkeit zählt, sind nur 48,3
% der Bevölkerung beschäftigt.
Mit Arbeitslosenraten können treffliche Spiegelgefechte
geführt werden, so dass man zumindest beide Ziffern, die der Arbeitslosen
und die der Beschäftigten im Auge behalten muss, wenn man sich ein
vollständiges Bild machen will.
So wird z.B. in der EU Holland immer wieder als leuchtendes
Beispiel für erfolgreichen Strukturwandel und vorbildliche Wirtschaftspolitik
angeführt. Obwohl anzuerkennen ist, dass in Holland von den Sozialpartnern
vieles erreicht wurde, was noch vor wenigen Jahren undenkbar war, muss
man die Zahlen doch sehr genau anschauen. So wird dort mit Stolz eine Arbeitslosenrate
für 1997 von 5,8 % (also die Hälfte von Deutschland und Frankreich)
angegeben. Bevor sie gerechnet wird, werden aber von vornherein rund 12
% der im Erwerbsalter stehenden Personen als «erwerbsunfähig»
ausgegliedert. Unter diesen Umständen ist es dann natürlich relativ
leicht, auf eine gute offizielle Arbeitslosenrate zu kommen. Folgerichtig
erscheint daher Holland unter den fünfzig Ländern mit der höchsten
Erwerbsquote nicht.
9. Unternehmensstruktur
Dass die Schweiz eine nach wie vor sehr gut strukturierte
Wirtschaft hat, braucht kaum betont zu werden. Sie hat einen gut funktionierenden
KMU-Bereich. In diesem findet sich eine nicht genau bekannte, aber vermutlich
ansehnliche Zahl von Firmen, die Weltmarktführer sind oder jedenfalls
sehr starke Positionen in ihren Märkten haben. Sie hat auch starke
Grossunternehmen. Bemerkenswert ist, dass die Schweiz gemessen am Sozialprodukt
zweieinhalbmal so viele «Fortune 500-Unternehmen» hat wie die
USA, gemessen an der Bevölkerung sogar viermal so viele. Im Vergleich
zu Deutschland ist es das Vierfache gemessen am Sozialprodukt, und das
Sechsfache bezogen auf die Bevölkerung. Gelegentlich wird mir in diesem
Zusammenhang entgegengehalten, man könne eigentlich hier nicht mehr
von «Schweizer» Firmen sprechen, weil alle diese Unternehmen
doch einen hohen Auslandanteil hätten. Dies stimmt zwar, es gilt aber
in gleichem Umfange auch für die grossen Firmen in anderen Ländern.
Solange diese Firmen ihren Sitz in der Schweiz haben, dürfen wir sie
wohl auch als Schweizer Unternehmen ansehen.
Welche Indikatoren man auch immer heranzieht, man
wird zum Ergebnis kommen, dass die Schweiz gut bis sehr gut, in vielen
wichtigen Bereichen sogar ausgezeichnet abschneidet und als Wirtschaftsstandort
insgesamt in den Spitzenrängen mithalten kann.
Was über die bis dahin behandelten Faktoren
hinaus jeden potentiellen Investor wohl auch interessieren wird, sind z.B.
das Bildungs- und Ausbildungssystem der Schweiz, die vergleichsweise hohe
Eigenverantwortlichkeit der Menschen, zuverlässig funktionierende
rechtsstaatliche Institutionen, die erwiesene Fähigkeit zu Kompromiss
und Konsens und - nicht zu vergessen - eine im Vergleich zu anderen Ländern
schlanke, kostengünstige und vielleicht gerade deshalb relativ gut
funktionierende Verwaltung. Auch wenn der Föderalismus nach Schweizer
Art seine Eigentümlichkeiten und auch seine Kompliziertheiten haben
mag, muss doch auch gesehen werden, dass die Schweiz mit sechsundzwanzig
Kantonen und vier Sprachen um ein Drittel weniger Beamte pro Kopf der Bevölkerung
hat als z.B. Österreich mit nur neun Bundesländern und nur einer
Sprache.
Alle diese Feststellungen bedeuten nicht, dass ich
blind wäre für den auch in der Schweiz gegebenen Reformbedarf.
Sie können daher auch nicht als Rechtfertigung für gemütliches
Zurücklehnen verstanden werden. Ich kann aber vor dem Hintergrund
der dargestellten Tatsachen wenig bis gar kein Verständnis aufbringen,
wenn die Schweiz in so gut wie jeder Beziehung als schlecht, rückständig
und hinterwäldlerisch dargestellt wird. Genauso wenig halte ich es
für richtig, wenn jene, die mit Bezug auf modernistische Euphorien
zu Augenmass und Realitätssinn mahnen, als Ewiggestrige oder als Populisten
charakterisiert werden.
Mir scheint, dass es Zeit ist, aufzuhören mit
dem Produzieren von kollektiven Minderwertigkeitskomplexen, von Unterwürfigkeit,
vorauseilendem Gehorsam, Schuldgefühlen und mit intellektueller Wehleidigkeit.
Man muss aufhören, jene Entwicklungen, die sich im Ausland längst
- und inzwischen dort auch so erkannt - als Fehler erwiesen haben, mit
einer Zeitverzögerung von zehn Jahren nachzuahmen, nur um ja nicht
vermeintlich unmodern und rückständig dazustehen.
Manche Länder wären heute froh, sie wären
in den Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahren nicht ganz so modern,
fortschrittlich und visionär gewesen - z.B. Deutschland und Schweden
mit ihren Sozialsystemen, die jetzt unter beachtlichen Schwierigkeiten
zurückgestutzt werden müssen; Italien mit seiner Parteipragmatik,
die in Wahrheit ein Korruptionssumpf war; oder Japan mit seinem Finanzsystem,
welches das Land an den Abgrund einer deflationären Depression gebracht
hat.
Man muss das noch immer in hohem Masse vorhandene
Leistungsvermögen der Bevölkerung nutzen durch Offenheit, Gradlinigkeit,
Fairness und Absage an Privilegien und Personenkult. Es muss die frühere
Mobilität des Schweizers zurückgewonnen werden, die inzwischen
deutlich abgenommen hat. Die im internationalen Vergleich - wie schon erwähnt
- zwar geringe, aber absolut bereits deutlich zu grosse Bürokratisierung
und Reglementierung muss abgebaut werden. Die Aufgaben des Staates sind
neu zu definieren und zu reduzieren. Es gibt also einiges zu tun.
Das Wichtigste aber ist, so scheint mir, sich auf
die Vorzüge, Vorteile und Stärken der Schweiz zu besinnen. Insgesamt
ist die Schweiz ein interessanter Wirtschaftsstandort, der sich mit jedem
anderen Platz messen kann - nicht um Stahl herzustellen, aber für
den Pharma-Bereich; nicht um Billigtextilien herzustellen, wohl aber für
hochpräzise Zahnimplantate; nicht für Autos, aber für komplexe
Rückversicherungsdienstleistungen.
Die Schweiz ist nicht das Paradies, aber sie ist
als Standort in Ordnung. Das Hauptproblem ist, dass das zu wenige wissen.
Und dass die Schweiz von wichtigen Repräsentanten mit eigentümlicher
Lust zur Selbstzerfleischung schlecht gemacht wird. Diese bilden zwar bei
weitem keine Mehrheit, sondern nur eine winzige - allerdings sehr laute
und redegewandte - Minderheit.
Prof. Dr. oec. habil. Fredmund Malik
Professor Dr. Fredmund Malik ist Top Management Consultant
und Management Lehrer von internationalem Ruf. Seit mehr als 20 Jahren
kennt er die Realität als erfolgreicher Leiter einer Firmengruppe.
Er verkörpert somit eine einmalige Verbindung zwischen Praxis und
Wissenschaft.
Er hat Zehntausenden von Führungskräften
in Vorträgen und Seminaren die Kernsubstanz des wirklich brauchbaren
Management-Wissens vermittelt. Seine Seminarteilnehmer bewerten ihn mit
höchsten Noten. Die Medien loben ihn als Management-Guru (was er selbst
allerdings nicht sein will) wegen seiner
Er gehört zu den wenigen Management-Denkern,
die Management als eine umfassende gesellschaftliche Funktion verstehen,
vielleicht die wichtigste bewegende Kraft einer modernen Gesellschaft.
Daher resultiert (wie seine Seminarteilnehmer wissen) seine ungewöhnlich
breite Perspektive, die auch durch profunde historische, ökonomische,
philosophische, systemwissenschaftliche und kybernetische Studien untermauert
ist.
Prof. Malik hat sich als Autor von mehr als 150 Publikationen
zu verschiedenen Managementthemen und vor allem durch seine unermüdliche
Kritik an Management-Modewellen, Management-Scharlatanerien und Management-Infantilismen
einen ausgezeichneten Namen geschaffen.
Personalia und Ausbildung
-
Geboren 1944 in Lustenau/Vorarlberg, Österreich
verheiratet, 2 Kinder
-
Wirtschaftsmatura in Österreich
-
Nach mehrjähriger Industriepraxis Studium der Wirtschafts-
und Sozialwissenschaften sowie Logik- und Wissenschaftsphilosophie an den
Universitäten Innsbruck und St. Gallen,
-
Abschluss in Betriebswirtschaftslehre, lic.oec. HSG,
Dr. oec., Privatdozent
-
Diplomarbeit: Kybernetische Modelle und Managementkonzepte
-
Dissertation: Systemmethodik - Grundlagen einer Methodik
zur Erforschung und Gestaltung komplexer soziotechnischer Systeme
-
Habilitation: Strategie des Managements komplexer Systeme
Berufliche Tätigkeiten
Als Unternehmer
-
1977 Ernennung zum Direktor des Management Zentrums
St. Gallen
-
1979 - 1984 gleichzeitig Mitglied der Direktion des
Institut für Betriebswirt-
-
schaft an der Hochschule St. Gallen mit Zuständigkeit
für den Bereich Unternehmensberatung
-
1984 Übernahme des Management Zentrums St. Gallen
im Rahmen eines
-
"Friendly Buy-Outs" und Gründung der Management
Zentrum St. Gallen AG
-
(MZSG AG) zusammen mit zwei weiteren Gründungspartnern
-
Seither Präsident des Verwaltungsrates der MZSG
Holding AG und ihren Tochtergesellschaften
-
Inhaber mehrerer weiterer Unternehmen
-
Diverse Verwaltungsrats-, Aufsichtsrats- und Beirats-/Stiftungsratsmandate
Als Management Consultant und Management Educator
-
Berater zahlreicher renommierter in- und ausländischer
Unternehmen aller Grössenordnungen insbesondere für General Management-,
Strategie- und Strukturfragen, Human Resources-Development und Ausbildungsfragen
-
Ausbildner für Tausende von Führungskräften
aller Stufen, Sektoren und Branchen
Als Wissenschaftler
-
1978 Habilitation für Betriebswirtschaftslehre
mit besonderer Berücksichtigung
-
der Unternehmensführungslehre
-
seither Lehrtätigkeit an der Universität St.
Gallen
-
1986 Ernennung zum Titularprofessor
-
1981 - 1982 Gastdozent an der Universität Innsbruck
-
seit 1992 Gastprofessor an der Wirtschaftsuniversität
Wien
Als Autor
Autor und Herausgeber des M.o.M.-Management Letters
"Malik on Management". ca. 150 Veröffentlichungen, unter anderem folgende
Bücher:
-
Wirksame Unternehmensaufsicht - Corporate Governance
in Umbruchzeiten erscheint 1997 im FAZ-Verlag, Frankfurt
-
Management-Systeme, in der Reihe "Die Orientierung",
Nr. 78, Hrsg. Schweiz. Volksbank, Bern 1981
-
Strategie des Managements komplexer Systeme, Verlag
Paul Haupt, Bern/Stuttgart 1984, 5. Auflage, Bern/Stuttgart 1996
-
Krisengefahren in der Weltwirtschaft, Verlag NZZ, Zürich
1990 (zusammen mit Daniel Stelter)
-
Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation,
Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart 1993
-
Management-Perspektiven, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart
1993
-
Praxis des Systemorientierten Managements, Festschrift
für Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Ulrich, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart
1979 (Hrsg.)
-
Systemorientiertes Management, Verlag Paul Haupt, Bern/Stuttgart
1973 (Hrsg. gemeinsam mit Bénédict Hentsch)
Kolumnist der Zeitschriften "Trend", "Cash" und "Basler
Zeitung"
Mitgliedschaften
-
ASOS (Swiss Management Association)
-
Austrian Society for General Systems Research and Cybernetics
(österreichische Studiengesellschaft für Kybernetik)
-
Europäische Akademie der Wissenschaften
-
Schweizerische Gesellschaft für Statistik und Volkswirtschaft
-
Vereinigung Schweizerischer Betriebswirtschafter
-
Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialkybernetik
-
Verband der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft
e.V.